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Theorie der Prominenz

Aktuelles Buch

Titel: Prominenz 2.0

Preis: EUR 15, 50

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Instagram-Celebrities? Youtube-Stars? Der Begriff der Prominenz unterliegt nicht zuletzt durch die Entstehung der Neuen Medien einem Wandel. Wer heute prominent werden will, muss Aufmerksamkeit im virtuellen Feld generieren.
Das Forschungsvorhaben versucht, unter Einbindung der Neuen Medien – ein Novum in der bisherigen Fachliteratur zu Prominenz – den Prominenzbegriff in seinem medialen Wandel im Internet erstmals ganzheitlich zu erfassen.

Erst vor dreißig Jahren, weit vor dem Boom kontemporär medialer Kommunikation und Dekaden von virtuellen Vergesellschaftungsphänomenen entfernt, war die Markierung prominenter Akteure allein auf eine Selektion weniger Kanäle beschränkt. Mit der Erweiterung der Kommunikationspotentiale durch die technische Entwicklung des Internets veränderte sich schlagartig auch die Art und Weise, wie mit Öffentlichkeit im Allgemeinen und prominenter Positionierung im Speziellen nachhaltig umgegangen wird. Prominenz im alltagsweltlichen Verständnis existiert, soziologisch betrachtet, wohl schon so lange es soziale Lebensgemeinschaften überhaupt gibt, die aus ihrer Mitte heraus ihre Meinungsführer generieren. Die ethische Orientierung am idealisierten Anderen scheint eine latente Form von Sicherheit zu vermitteln, sei es historisch betrachtet durch traditionelle Kulte um Stammesoberhäupter, sei es durch die dogmatisch-diktatorische Funktion kirchlicher Vertreter im dunklen Zeitalter oder neuzeitlich durch die zweifelhafte ideologische Ausrichtung an flüchtigen Idolen der Populärkultur. Hinter Ideologisierungsprozessen durch ein Kollektiv steht zumeist unbewusst der tief verankerte Wunsch, sich gänzlich unterzuordnen, die eigene Verantwortung einer Obrigkeit zu überlassen und damit zugleich die Komplexität eigener Handlungsschemata zu reduzieren. Orientierung in einer sozialen Umwelt vermag erst dann dem Leben eine Richtung zu geben, wenn sich faktisch ein Vorbild gefunden hat, das den Akteur nachhaltig entlastet. Identifikation, etwa mit einem Rockstar, geht immer auch einher mit dem bewussten oder unbewussten Annehmen spezifischer dieser Rolle zugeschriebener stereotyper Attribute wie Freiheit, Rock 'n' Roll und Sexappeal - im Kontrast etwa zur klassischen Figur des volkstümlichen Stars, dessen mediale Konnotationen genuin auf einer vermeintlich heilen Welt basieren, deren Phantasma er medial aufrecht erhalten muss, um die Konsistenz seiner Rolle zu wahren - zumindest jedoch für den Zeitraum in dieser zu verharren, in dem die Kamera auf ihn gerichtet ist.

Mit der Entstehung moderner Massenmedien hat sich auch die Form medial vermittelter Kommunikation radikal verändert. Nicht nur einzelne Kommunikate werden so täglich medial diskursiviert, auch die Akteure selbst, die ihr Gesicht den Medien verleihen, unterliegen einer Form der Flüchtigkeit. Prominenz zu generieren ist lang schon nicht mehr so nachhaltig, wie es sich noch zu den Anfangszeiten des Fernsehens gestaltete. Publikumslieblinge werden heute in Castingformaten künstlich gezüchtet und im Anschluss medial desozialisiert, sie dienen weniger der Identifikation mit dem Medium selbst, als vielmehr zum Zweck einer rein kurzweiligen Unterhaltung. Aufmerksamkeit manifestiert sich in diesem Szenario als eine streng begrenzte Ressource, um die mediale Akteure sich konstant aktiv bemühen. Sie wird, insofern ihre Akkumulation erfolgreich verläuft, zum faktischen Kapital einer virtuellen Lebenswelt. Es scheint geradezu, als werde die Komplexität medialer Macht von Prominenz durch die Neuen Medien nochmals vergrößert, gleichzeitig verschiebt sich das Bild vom klassischen Alleinstellungsmerkmal Star-Vorbild hin zu einer gecasteten Everybody-Prominenz, in deren Vielzahl an Akteuren ein Überblick zunehmend schwer fällt. Doch was genau bedeutet eigentlich Prominenz? Warum geht eine Anziehung von ihr aus? Was sind die Chancen einer virtuellen Markierung und wo versagt sie?

Nachdem Gertraud Linz sich bereits im Jahr 1965 in ihrer Dissertation mit dem Titel „Literarische Prominenz in der Bundesrepublik“ dem Themenkomplex wissenschaftlich nähert, entstehen in den folgenden Jahrzehnten in Anknüpfung an ihre Ergebnisse weitere Studien, von denen insbesondere die Publikationen von Birgit Peters und Julia Wippersberg für eine holistische Aufbereitung des Prominenzbegriffs eine wissenschaftliche Relevanz aufweisen. Linz rekurriert mehrmals im Verlauf ihrer Ausführungen mit Blick auf das soziale System, aus dem Prominenz potentiell erst erwächst, auf den Grad des gesellschaftlichen Ansehens und die historischen Veränderungen seiner Bedingungen. Ihr zufolge existierten zu allen Zeiten und in jeder sozialen Gemeinschaft prominente Akteure, wobei lediglich „die Voraussetzungen für gesamtgesellschaftliches Ansehen“ (Linz 1965: 27) einem sozialen Wandel unterlagen. Eindeutiges Merkmal des Prominenten sei dabei das Hervorragen aus einer Gruppe von Akteuren in Form einer übergeordneten sozialen Position, die vom Kollektiv insofern als entkoppelt erscheint, als dass der Prominente in seinem ihm zugewiesenen sozialen Status einer kollektiven Selektion unterliegt: „Prominent sein heißt zunächst nichts anderes als hervorragen. Nun ist noch lange nicht prominent, wer irgendeine hervorragende Leistung vollbracht hat.“ (Linz 1965: 27) Peters verweist explizit mehrmals auf den Faktor Erfolg, der von Seiten des Publikums und den Medien garantiert sein muss, um Prominenzierungsprozesse zu initiieren und entwickelt ein Modell der Entstehung von Prominenz, das auf einer Vorauswahl aus gesellschaftlichen Teilsystemen beruht. Erst aus der Spitze dieser Pyramidenstruktur selektieren die Medien ihre Protagonisten und weisen ihnen mediale Präsentationsflächen zu. Die Grundvoraussetzung für die Entstehung von Prominenz ist dabei die Tatsache, dass ein Akteur von einem dispersen Personenkreis aus aufrichtige Beachtung findet, der gleichwohl größer ist als jener, den der Prominente persönlich selbst kennt. Prominente Akteure definiert sie vor diesem Hintergrund „als einen Kreis von Personen, die sich dadurch auszeichnen, daß sie von mehr Leuten gekannt werden, als sie selbst kennen“ (Peters 1996: 19). Um als Differenzierungsmerkmal zwischen den Mitgliedern einer sozialen Gemeinschaft fungieren zu können, müssen von Seiten des Prominenten dabei spezifische Werte erfüllt sein, die ein Hervorragen evozieren.

Peters nähert sich dem Prominenz-Phänomen in einem kurzen Abriss der historischen Entwicklung seiner Begrifflichkeit, dessen Ursprung für die Analyse der Entstehung von medialem Kapital insofern relevant ist, als dass Prominenz ihr zufolge primär durch mediale Kanäle generiert wird und Rückschlüsse auf ihre Historie einen Blick auf kontemporäre Prominenzierungsprozesse erst ermöglichen. Eine frühe Nennung des Prominenzbegriffs verortet sie in einer Schrift von Karl Kraus, in der sich eine eindeutig negative Konnotation abbildet. So beklagt er die Verlagerung der Auszeichnung und Markierung durch Prominenz vom Fremdwort mit Seltenheitswert hin zu einer Allerweltsbeschreibung, deren Unspezifität keinerlei Rückschlüsse mehr auf eine besondere Leistung erkennbar zulässt: „Nach der Befreiung der Sklaven war wie auf einen Zauberschlag das Wort ‚prominent‘ da, nunmehr allem verliehen, was vordem keineswegs hervorgeragt hätte.“ Der Sarkasmus in seiner Beschreibung pointiert deutlich die begriffliche Verwendung des Prominenten, der, wie er formuliert, durch „Zufall, Konjunktur oder Willkür der journalistischen Selbstherrscher […] aus der Fülle der Untalente emporgehoben“ auftritt. Unter diesen für die kontemporäre Medienlandschaft obsoleten Voraussetzungen scheint Prominenz als Kriterium zunächst ein relatives Herausragen aus der Masse durch ein spezifisches Talent einzufordern und auf medialem Weg über eine subjektive Auswahl diskursiv seine Verbreitung zu finden. Das mediale Verbreitungsorgan, das Kraus explizit nennt, ist die Presse, deren Inszenierung potentiell jeden Akteur zum Prominenten erhebt und konstatiert: „alle können prominent sein.“ (Kraus 1927/ 1961: 50f. zitiert nach: Peters 1996: 17f.)

In Rekurs auf Werner Köhne zeichnet Peters die Entwicklung des Prominenzbegriffs ausgehend von seiner Wiederentdeckung nach der Verbannung durch die Nationalsozialisten nach. Köhnes Korpus umfasst neben Literaturquellen auch Interviews mit Zeitzeugen und präsentiert einen Wandel, der Resultat starker Korrelationen zwischen kulturellen und sozialen Einflussfaktoren ist. Als signifikanten Wendepunkt in der Generierung von Prominenz kontrastiert Köhne die Entwicklung medialer Kanäle von Printpublikationen über das auditive Medium Radio hin zur visuellen Darstellung im Fernsehen. Die sukzessive Veränderung der Rezeptionsgewohnheiten vollzieht sich Peters zufolge vom Radio zur Sprache des Fernsehens, in dem mediale Akteure erst durch ihre Sichtbarkeit zu Ansehen gelangen (vgl. Peters 1996: 19). In einer bebilderten Welt, in der Reize im Überfluss vorhanden sind, tritt ein Einzelakteur nicht mehr anonym auf, sondern vermittelt im faktischen wie im symbolischen Sinn ein spezifisches Abbild seiner Person, das sich über mediale Darstellungsformen im öffentlichen Diskurs nachhaltig zu einem Image formiert. Eine wissenschaftlich fundierte Verwendung des Prominenzbegriffs kann erst über die sprachhistorisch orientierte Rückverfolgung zu seinem Ursprung hin gelingen, da dieser vom alltagsweltlichen Verständnis und seiner diskursiven Vorprägung mitunter stark divergiert, was insbesondere durch die Rezeption der Boulevardpresse determiniert ist. Eine eindeutige begriffliche Definition von Prominenz ist in der Rezeption einschlägiger wissenschaftlicher Literatur de facto nur fragmentarisch erkennbar, vielmehr versuchen Autoren interdisziplinär, ihre divers mediale Ausprägung oftmals unter Zuhilfenahme prominenter Akteure selbst als Exempel einer personalen Deskription zu unterziehen. So sind Prominente, im Gegensatz zu Stars, die als Phänomene der Populärkultur einer breiten Öffentlichkeit bereits bekannt sind, stets ein Begriff geblieben, der „häufig verwendet, aber selten diskutiert“ (Linz 1965: 16) ist.

Seine etymologische Herkunft bezieht das Substativ Prominenz aus der Ableitung des lateinischen prominere, dessen Bedeutung sich etwa mit Hervorstehen und als aus der Masse Hervorragen übersetzen lässt. Symbolisch findet das Herausragende dabei seinen Ursprung in der Verwandtschaft mit dem Wortstamm -mons, welcher mit Berg assoziiert wird. Ein Akteur, der aus einer sozialen Gruppe von Individuen in einer spezifischen Weise hierarchisch erwächst, ist dieser ersten Beschreibung gemäß zumindest basal bereits mit Prominenz-Attributen semantisch aufgeladen. Zur präzisen Einordnung in einen Raum von Definitionen finden sich aus unterschiedlichen Lexika zusammengetragene Begriffsbestimmungen, deren wissenschaftliche Deskription jeweils jedoch als „entweder zu weit oder zu eng gefasst“ (Wippersberg 2007: 19) erscheint, um einer holistischen Erfassung des Phänomens genüge zu leisten. Spezifizierend für eine direkte Analyse des Gegenstandbereichs führt Wippersberg mit Who is Who? und dem Knaurs Prominentenlexikon zwei Ausgaben an, deren Kritik sich in Rekurs auf Birgit Peters, Werner Faulstich und Ricarda Strobel darauf richtet, dass einerseits weitgehend unklar bleibt, welche spezifischen Kriterien ausschlaggebend für die Aufnahme waren und andererseits sich die angeführten Kategorien der maßgeblichen Bekanntheitsgrade für Prominenz in Teilen selbst widersprechen. So ist nicht jedem Akteur durch Popularität auch gleichermaßen ein Grad an Prominenz zugewiesen. Zudem bleibt die Frage offen, ob gesellschaftliche Elite zugleich auch Prominenz inkludiert oder ob soziales Hervorragen aus der Masse nicht eher an Merkmale gekoppelt ist, die grundsätzlich erfüllt sein müssen, um Prominenzierungsprozesse überhaupt erst zu initiieren. Peters formuliert einen Zusammenhang zwischen Prominenz und Elite auf gesellschaftlicher Ebene und schlägt vor, „Prominenz als eine spezifische Form von Elite oder Oberschicht“ (Peters 1996: 34) zu definieren.

Prominenz 2.0 und einem damit verbundenen Forschungsdesiderat medialen Kapitals folgend orientiert sich die weitere Differenzierung zwischen Prominentem, Star und einem Elitebegriff am Vorschlag Christoph Jackes: „Unterscheidet man dann zwischen Prominenten und Stars, in dem man Prominente als bekannt und Stars als zusätzlich beliebt bezeichnet, könnte man die Stars als die Elite der Prominenz bezeichnen.“ (Jacke 2007: 66) Unklar bleibt hier jedoch, unter welchen diskursiven Prämissen sich Prominenz in Abgrenzung zur Elite sozial generiert und wie sich das Phänomen nachhaltiger Prominenzierung durch technische Entwicklungen strukturell verändert. Daran anknüpfend stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien ein Ranking installiert werden kann, das Prominenz und ihre diskursive Machtwirkung insbesondere vor dem Hintergrund kontemporärer Medienkanäle auf die Gesellschaft abbildet. In einem Geleitwort zur österreichischen Prominenz findet Wippersberg eine für sie und auch diese Abhandlung gänzlich unbefriedigende erste Antwort, die durch ihre mangelhafte Präzision nicht einmal einer vorläufigen Definition genüge leistet: „Echte Prominenz ist weitgehend eine Sache des Gefühls geworden.“ (Wippersberg 2007: 20)

Meint Prominenz im Wortursprung das Hervorragen aus einer Gruppe von Individuen, so liegt im Anschluss das Erkenntnisinteresse, wie eben jene den Prominenten umgebende soziale und mediale Umwelt strukturell beschaffen sein muss, um erst einen Nährboden für Prominenzierungsprozesse zu formen. Prominenz ist stets ein soziales Phänomen, sie entsteht im Spiel zwischen den Mitgliedern einer Gemeinschaft, die ihre Positionen aushandeln. Eine genaue begriffliche Einordnung des Prominenten in seine soziale Umwelt ist daher nur möglich, wenn theoretisch zunächst deutlich wird, was die Spitze einer Gesellschaft charakterisiert. Aus dem alltagsweltlichen Verständnis heraus kristallisieren sich bereits spezifische Eigenschaften derjenigen ab, die prominente Positionen bekleiden: Menschen, die sich durch hohes Ansehen auszeichnen, oftmals in vermeintlich großem Reichtum leben und einen weitgehend geschlossenen sozialen Rahmen bilden, während sie dem Normalbürger fast ausschließlich medial vermittelt begegnen und vorzugsweise als Darsteller inszenierter Geschichten in der Boulevardpresse agieren. Zudem scheint ihre physische Präsenz im Alltagsgeschehen faktisch kaum vorhanden zu sein, als wären sie gar nicht anwesend und nur auf teilöffentlichen Veranstaltungen hinter einem Absperrband und weitgehend isoliert von der Masse zu beobachten. Mit den Begriffen Elite und Prominenz werden selektierte soziale Formationen beschrieben, die einen relativen diskursiven Bestand aufweisen. So geht mit ihrer übergeordneten Stellung innerhalb eines sozialen Feldes auch zugleich eine symbolische Positionierung einher, die den Akteur markiert und umfasst seinen Status als eine Variante der Popularität und ein Prestige als Manifestation seiner sozialen Sonderstellung. Gemeinsame Elemente von Prominenz und Elite verweisen auf vier sich partiell überschneidende Eigenschaften: Rekrutierung aus allen Sektoren der Gesellschaft, Qualifikation durch individuell erbrachte Leistung und sichtbaren Erfolg, ein grundsätzlich offener Zugang sowie eine soziale Vorbildfunktion (vgl. Wippersberg 2007: 103f.). Ein jeder Akteur hat potentiell die Option, in seiner eigenen sozialen Position hierarchisch aufzusteigen unter der Prämisse, dass er jene Voraussetzungen erfüllt, an deren erster Stelle die Bereitschaft zur Erbringung einer Leistung steht.

Leistung, die Eliten zugerechnet wird, ist strengen institutionellen Kontrollmechanismen unterworfen und ihre Resultate veredeln den Träger durch Zertifikate. Eine divers gelagerte Qualität der Prominenz liegt dahingegen allgemein in der Form ihrer Selbstinszenierung. Wippersberg betrachtet vor diesem Hintergrund Darstellungsweisen des Selbst als eigenständige Leistungskompetenzen, die auch Mitgliedern der Elite inszenatorisch vorteilhaft sein können. Während Prominente vorwiegend durch mediale Narration aus der Masse heraus zum Vorbild stilisiert werden und positive Nachahmungseffekte unmittelbar im Handeln der Anderen evozieren, erfüllt die klassische Elite rein durch ihre Spitzenposition begründet bereits eine Vorbildfunktion und nur aus ihr heraus lassen sich direkte Machtwirkungen steuern, die nachhaltig auch eine gesellschaftspolitische Relevanz aufweisen. Prominente scheinen in ihrer unmittelbaren Einflussnahme dabei greifbarer als elitäre Akteure zu sein, da der öffentliche Diskurs ihre Lebenswelten medial transportiert, sei es exemplarisch durch Homestories in der Boulevardpresse oder Lookbook-Ideen in Modemagazinen zur Adaption einer prominenten Lebensart. Die Nachahmung von Handlungen kann dabei mannigfaltige habituelle Überschneidungen implizieren: Ein ranghoher Politiker, der sich erfolgreich und regelmäßig in der Boulevardpresse präsentiert, erhält, eine aufrichtige Annahme seiner Inszenierung durch die Rezipienten vorausgesetzt, schrittweise den Status eines Prominenten und steigert damit nicht nur seine eigene Popularität, sondern auch die Chancen einer Wiederwahl ins politische Amt. Gleichwohl kann ein Skandal ihm die Präsentationsfläche wieder entziehen, wenn seine mediale Narration reputationsschädigend wirkt und die Normverletzung so gravierend ist, „dass sie nicht Empörung um des Amusements willen verursacht, sondern zu einer tatsächlichen Auseinandersetzung mit dem Skandal führt“ (Holldorf 2011: 82). Durch den Aufstieg in das Feld der politischen Elite tritt damit eine doppelt gelagerte diskursive Wirkung ein, da der Akteur biografisch zugleich jenem Kollektiv entstammt, aus welchem heraus er selektiert und zum Vorbild stilisiert wird. Ämter in Spitzenpositionen wirken stets repräsentativ, zum einen, weil ihre Besetzung spezifischen Voraussetzungen unterliegt, zum anderen, weil sie demokratische Säulen einer sozialen Gemeinschaft abbilden und sich die Fundamente der Leistungsgesellschaft in ihnen spiegeln. Politische Akteure finden erst über mediale Reproduktion auch ihren Weg in eine breite Öffentlichkeit, was mitunter „Prominenz qua Amt“ (Wippersberg 2007: 105) generieren kann.

Deutlich weniger Beachtung erhalten dahingehend im gesamtgesellschaftlichen Diskurs die Vertreter der wirtschaftlichen Elite. Wirtschaftsweisen, Finanzwissenschaftler und Vorstände börsennotierter Unternehmen werden strategisch in medialen Nischen platziert, aus welchen heraus sie als Experten zu einem fachlichen Themenkomplex befragt oder durch Skandale wie Veruntreuungen und Massenentlastungen einer breiten Medienöffentlichkeit zugänglich werden. Regelmäßigkeit in der medialen Präsenz scheint damit ein charakteristisches Merkmal von Prominenz zu sein. Nur derjenige, der in kurzen Intervallen kontinuierlich ins Diskursive zurückkehrt, wird auch zum festen Bestandteil in der öffentlichen Wahrnehmung. Für Vertreter von Spitzenpositionen in der Wirtschaft trifft diese Präsenz im Regelfall nicht zu, wie Ralf Dahrendorf konstatiert: „Die unbekannteste Führungsgruppe der deutschen Gesellschaft der Bundesrepublik ist die […] wirtschaftliche Oberschicht.“ (Dahrendorf 1962: 25 zitiert nach: Wippersberg 2007: 106) Im Kontrast zu Prominenz ist Elite immer zugleich mit Macht- und Einflusspotential ausgestattet, dessen Wirkung sie kaskadisch von oben an die Gesellschaft zurücksteuert. Eine elitäre Position zu bekleiden bedeutet hier, in Verantwortung sein eigenes Handeln und das der anderen Akteure anzuleiten durch die Möglichkeit, unmittelbar Entscheidungen für eine ganze Gruppe zu treffen. Soziale Spitzenpositionen werden stets mit einem Vertrauensvorschuss in die Leistungsbereitschaft und Qualität des elitären Akteurs ausgehandelt, dessen Machtwirkungen neben dem direkten und indirekten Einfluss auf den Diskurs eben auch die Selektion einer legitimierten Führungsrolle umfassen.

Das Knaurs Herkunftswörterbuch beschreibt den Begriff Elite als vom lateinischen eligere abgeleitet, was bereits auf eine Art der Selektion hinweist, im Französischen verbunden mit élite, der Auswahl. Seinen Einzug in den deutschen Sprachschatz fand der Ausdruck als „Lehnwort gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus Frankreich nach Deutschland“, wo er „bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nur selten verwendet“ (Wippersberg 2007: 84) wurde, bis zu dem Zeitpunkt, als die Elitetheorien von Georges Sorel und Vilfredo Pareto ihn in den Sprachgebrauch integrierten. Pareto spricht sich in seiner machiavellistischen Elitetheorie für die Gleichsetzung von Macht und Erfolg aus. Der Mächtige gelangt erst über die Aneignung spezifischer dominanter Eigenschaften zu seiner Position, indem er vordergründig eine Ideologie vertritt, um die Masse zu kontrollieren. Novum seiner Theorie ist die Einbeziehung aller Klassen, in denen potentiell Elite entstehen kann und nicht mehr die reine Fokussierung auf das politische Feld. Die einzige Voraussetzung für die Bildung einer Elite ist seiner Argumentation nach deren Erfolg unabhängig von positiven oder negativen Konnotationen. Neben klassischen Eliten, die durch universitäre Bildung eine faktische Kompetenz erworben haben, könnte theoretisch so auch ein Verbrecher eine elitäre Position bekleiden (vgl. Wippersberg 2007: 88ff.). In der Brockhaus Enzyklopädie findet sich ein erster Hinweis auf soziale Voraussetzungen einer Elitebildung, die sich durch hohe Qualitätsmerkmale, eine besondere Leistungsfähigkeit und eine hohe Leistungsbereitschaft auszeichnet (vgl. Wippersberg 2007: 84). Im Laufe der Entwicklung sozialer Gesellschaften wandelte sich auch der Begriff der Elite, der sich aufgrund seiner diversen Interpretationen einer ganzheitlichen Definition weitgehend entzieht. Zur historisch orientierten Annäherung an den Elitebegriff finden sich bei Wippersberg wertvolle Anregungen, die sie in Bezugnahme auf andere Autoren interdisziplinär zusammenstellt. Vorweg sei erwähnt, dass der Begriff der Elite diachron einer strengen Instrumentalisierung unterliegt, wie die Autorin nachhaltig betont. Innerhalb einer sozialen Gemeinschaft generiert sich eine Elite nicht ohne die Konnotation „handfester politischer, wirtschaftlicher oder zumindest ideologischer Interessen“ (Wippersberg 2007: 85). Ihr Vorschlag einer sozialen Abstufung der idealtypischen Herrschaftsstrukturen in Annäherung an die historische Entwicklung des Elitebegriffs ist auch für die Herleitung eines neuen Prominenzbegriffs vor dem Hintergrund kontemporärer medialer Kommunikation fundamental sinnbildend. Dass sich Prominenz schon immer innerhalb sozialer Gemeinschaften generierte, konstatiert schon Gertraud Linz und eröffnet damit eben auch einen historischen Diskurs um Prominenz und ihre sozialen Determinanten, der das gegenwärtig medial vermittelte Bild entscheidend konstituiert.

Mit der triadischen Abfolge von Stand, Klasse und Elite nähert sich Wippersberg den Ursprüngen elitärer Positionierungen und schafft damit zugleich eine Perspektive für kontemporäre Elitärisierungsprozesse in medialer Szenerie. Während die ständische Gemeinschaft sich genuin auf ihre Standesehre gründet und soziale Klassen sich durch Besitz von Produktionsmitteln definieren, ist die Zugehörigkeit zu einer Elite von einer tatsächlichen Leistung geprägt, die ein Akteur als sachlich-faktische oder geistig-ideale Komponente aktiv in die soziale Gemeinschaft einbringt (vgl. Wippersberg 2007: 85ff.). Ausschließlich derjenige, der aus eigener Kraft heraus eine besondere Leistung erbringt, wird durch aufrichtige Anerkennung dieser aufgewertet und erhält von anderen Akteuren im gleichen Feld eine übergeordnete soziale Position zugewiesen, der positive Machtwirkungen immanent sind. Diese Überlegung grenzt den machiavellistischen Elitebegriff Paretos dahingehend ein, dass sie die Zugehörigen der Elite mit dem Attribut der Wohltätigkeit konnotiert. Nicht der reine Erfolg einer Leistung ist in diesem ersten Entwurf das ausschlaggebende Kriterium für die Bildung von Eliten, sondern die erbrachte Leistung an sich muss eben auch einem guten Zweck dienen, zumindest insofern, als dass sie Impulse von sozial übergeordneter Ebene aus kaskadisch an das Kollektiv zurückgibt, sich also erst positive Machtwirkungen diskursiv aus ihr generieren.

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